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Lesenswert branche-markt Score: 7/10

BHE-Studie: 12.000 fehlende Fachkräfte in der Sicherheitstechnik

Der Bundesverband schlägt Alarm: Die Branche kann den steigenden Bedarf nicht mehr decken.

Was ist passiert?

Der BHE Bundesverband Sicherheitstechnik hat seine jährliche Branchenstudie veröffentlicht und schlägt Alarm: Der deutschen Sicherheitstechnik-Branche fehlen aktuell rund 12.000 qualifizierte Fachkräfte. Das entspricht einem Anstieg von 15% gegenüber dem Vorjahr und stellt die größte Fachkräftelücke in der Geschichte der Branche dar.

Die Studie, für die 850 Errichterbetriebe, Planer und Hersteller befragt wurden, zeichnet ein deutliches Bild: Die Nachfrage nach Sicherheitstechnik wächst schneller als die Branche qualifiziertes Personal nachliefern kann. Aufträge werden verschoben, Projekte ziehen sich in die Länge, und kleinere Betriebe müssen lukrative Aufträge ablehnen.

Die Details: Wo fehlen die Fachkräfte?

Elektrotechniker für Gefahrenmeldeanlagen: -4.200

Am gravierendsten ist der Mangel bei Elektrotechnikern mit Spezialisierung auf Gefahrenmeldeanlagen (GMA). Für die Installation und Wartung von Einbruchmeldeanlagen, Brandmeldeanlagen und Videoüberwachungssystemen fehlen allein 4.200 Fachkräfte. Die dreijährige Ausbildung zum Elektroniker für Informations- und Systemtechnik bildet die Basis, doch immer weniger junge Menschen entscheiden sich für diesen Weg.

Errichterbetriebe berichten, dass offene Stellen im Durchschnitt 147 Tage unbesetzt bleiben – fast fünf Monate. In ländlichen Regionen Ostdeutschlands und Nordbayerns liegt die Besetzungsdauer sogar bei über 200 Tagen.

IT-Fachkräfte für Netzwerk-Sicherheit: -3.100

Die zunehmende Vernetzung von Sicherheitssystemen über IP-Netzwerke erfordert IT-Kompetenz, die in der klassischen Sicherheitstechnik-Ausbildung bisher zu kurz kommt. Cloud-basierte Videoüberwachung, IP-Zutrittskontrolle und vernetzte Alarmsysteme brauchen Spezialisten, die sowohl die Sicherheitstechnik als auch die IT-Infrastruktur beherrschen. Diese „Hybrid-Fachkräfte" sind auf dem Arbeitsmarkt praktisch nicht zu finden.

Servicetechniker im Außendienst: -2.800

Die installierte Basis an Sicherheitstechnik wächst stetig – und mit ihr der Wartungs- und Servicebedarf. Für die regelmäßige Inspektion und Instandhaltung von Alarmanlagen, Videoüberwachungssystemen und Zutrittskontrollanlagen fehlen 2.800 Servicetechniker. Die hohe Reisetätigkeit und die Bereitschaftsdienste machen diese Positionen zusätzlich schwer besetzbar.

Projektleiter und Planer: -1.900

Komplexe Sicherheitsprojekte – von der Perimetersicherung eines Industriegeländes bis zur Gesamtlösung für ein Krankenhaus – erfordern erfahrene Projektleiter und Sicherheitsplaner. Diese Positionen setzen jahrelange Berufserfahrung voraus und können nicht durch Quereinsteiger besetzt werden. Der demografische Wandel verschärft das Problem, da in den nächsten fünf Jahren rund 15% der erfahrenen Planer in den Ruhestand gehen.

Warum das wichtig ist

Der Fachkräftemangel trifft die Branche in einer Phase steigender Nachfrage. Die Einbruchszahlen steigen wieder, das Sicherheitsbewusstsein der Bevölkerung wächst, staatliche Förderprogramme wie KfW 455-E treiben die Nachfrage, und neue regulatorische Anforderungen (VdS 2311:2026, EU Cyber Resilience Act) erfordern Nachrüstungen und Neuinstallationen.

Gleichzeitig wandelt sich die Technologie rasant: Klassische analoge Systeme werden durch IP-basierte, KI-gestützte Lösungen ersetzt. Dies erfordert komplett neue Kompetenzen, die im bestehenden Fachkräftepool oft nicht vorhanden sind. Errichter müssen gleichzeitig Bestandsanlagen warten und neue Technologien implementieren – mit schrumpfenden Teams.

Die wirtschaftlichen Folgen sind bereits spürbar: Laut BHE-Studie mussten 34% der befragten Betriebe im letzten Jahr Aufträge ablehnen, weil kein Personal verfügbar war. Der geschätzte Umsatzverlust durch entgangene Aufträge beträgt branchenweit 1,8 Milliarden Euro pro Jahr.

Was bedeutet das für die DACH-Region?

Das Problem ist nicht auf Deutschland beschränkt. Österreich meldet einen Fachkräftemangel von 2.800 Personen in der Sicherheitstechnik, die Schweiz von 1.500. Die höheren Löhne in der Schweiz führen zusätzlich zu einer Abwanderung deutscher Fachkräfte aus den Grenzregionen – ein Effekt, der sich durch Remote-Monitoring und Cloud-Leitstellen weiter verstärkt.

Auf EU-Ebene wird der Fachkräftemangel in der Sicherheitsbranche zunehmend als strategisches Risiko erkannt. Die EU-Sicherheitsunion-Strategie sieht Investitionen in die Ausbildung von Sicherheitsfachkräften vor, und mehrere Mitgliedstaaten haben Sicherheitstechnik in ihre Listen der Mangelberufe aufgenommen.

Praxis-Tipps und Gegenmaßnahmen

  • Ausbildungsoffensive des BHE: Der Verband hat 50 neue Partnerbetriebe für die duale Ausbildung gewonnen und plant, die Ausbildungskapazitäten bis 2027 um 30% zu steigern. Errichterbetriebe werden ermutigt, selbst auszubilden – der BHE unterstützt mit Lehrplänen und Prüfungsvorbereitung.
  • Quereinsteiger-Programme: Neue Fortbildungskurse ermöglichen Elektrikern, SHK-Fachkräften und IT-Administratoren den Einstieg in die Sicherheitstechnik. Die Umschulung dauert 6-12 Monate und wird von der Agentur für Arbeit gefördert.
  • Digitale Weiterbildungsplattform: Ab Q3 2026 startet der BHE eine Online-Akademie mit modularen Kursen zu IP-Sicherheitstechnik, VdS-Richtlinien und Projektmanagement. Die Plattform ermöglicht berufsbegleitendes Lernen.
  • Automatisierung und Effizienz: Investitionen in Planungssoftware, Mobile-Workforce-Management und Remote-Service-Plattformen können den Personalbedarf pro Projekt um 15-20% reduzieren.
  • Internationale Fachkräfte: Der BHE fordert die Aufnahme der Sicherheitstechnik in die Liste der Mangelberufe. Dies würde vereinfachte Visa-Verfahren für qualifizierte Fachkräfte aus Nicht-EU-Staaten ermöglichen.
  • Attraktivere Arbeitsbedingungen: Flexible Arbeitszeiten, Dienstwagen, Weiterbildungsbudgets und leistungsorientierte Vergütung sind laut Studie die wichtigsten Faktoren, um Fachkräfte zu gewinnen und zu halten.

Hintergrund und Statistiken

Die deutsche Sicherheitstechnik-Branche beschäftigt aktuell rund 85.000 Menschen in über 6.000 Betrieben und erwirtschaftet einen Jahresumsatz von 12,5 Milliarden Euro. Die Branche wächst seit zehn Jahren kontinuierlich mit durchschnittlich 5-7% pro Jahr und gehört damit zu den dynamischsten Wirtschaftszweigen im technischen Handwerk.

Der durchschnittliche Jahresbruttolohn eines Sicherheitstechnikers liegt bei 42.000€ (Servicetechniker) bis 65.000€ (Projektleiter). Im Vergleich zu anderen Elektro-Fachberufen liegt die Vergütung etwa 10-15% höher, was die Attraktivität der Branche grundsätzlich stärkt – aber nicht ausreicht, um den Mangel zu beheben.

Ausblick

Der BHE prognostiziert, dass sich der Fachkräftemangel ohne Gegenmaßnahmen bis 2030 auf 20.000 fehlende Stellen ausweiten wird. Die Kombination aus demografischem Wandel, technologischem Umbruch und steigender Nachfrage macht das Problem strukturell. Kurzfristige Lösungen gibt es nicht – nur ein Bündel aus Maßnahmen kann mittelfristig Abhilfe schaffen.

Positiv ist, dass die Digitalisierung der Branche auch Chancen bietet: Cloud-basierte Leitstellen ermöglichen zentralisierte Überwachung, KI-gestützte Videoanalyse reduziert den Personalbedarf in der Auswertung, und Remote-Service-Plattformen machen Vor-Ort-Einsätze teilweise überflüssig. Die Sicherheitstechnik-Branche steht vor einem tiefgreifenden Wandel – und wer die Fachkräftefrage löst, wird zu den Gewinnern gehören.